Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlecht ausgerüstete Harley-Fahrer. Oder - irgendwann muss der Frühling ja mal kommen. Oder - auch die allerdicksten Wolken haben irgendwann mal ausgeregnet.
Mit solchen, oder ähnlichen Durchhalteparolen in den Ohren, machten sich Beat, Rolle und LX auf, um zu testen, ob ihre Harleys im selben Masse wetterfest sind, wie sie selbst. Und Fragen wurden natürlich schon im Tiefdruck geprägten Vorfeld immer wieder gewälzt: Muss ich noch irgendjemandem irgendetwas beweisen? Muss ich mir das überhaupt antun? Wäre es vielleicht nicht doch klüger, zuhause noch ein wenig auf den Frühling zu warten? Meine eigene Antwort dazu: Im Geschäftsleben begegne ich täglich neuen Herausforderungen, welchen ich nicht ausweichen kann. Weshalb also, sollte ich mich nicht ab und zu auch mal einem privaten Test stellen, um hinterher festzustellen, dass ich noch nicht zum ältesten Eisen zähle. Also, ich hab’s nicht getan weil ich muss, und schon gar nicht, dass ich hinterher einen weiteren Pin ans Gilet schrauben kann. Ich habs getan, weil ich mir vorgenommen habe, es zu tun. Und – vor allem – weil es sich Beat und Rolle ebenfalls antun wollten…
So kommen wir zum eigentlichen Run. Die Aufgabe war klar: Von zuhause aus nach Dietikon fahren, dort einschreiben, die erste Wegbeschreibung studieren, zum Startort an den Sempachersee fahren, von dort aus die weiteren 13 Etappen möglichst umwegfrei bis ins Ziel zu bewältigen um in Bülach einen prima frischen Fleischkäse zu verfuttern. Anschliessend noch nach Hause. That’s it. Einfach im Prinzip – und unter gewissen Umständen halt eben doch nicht. Am Treffpunkt auf der Autobahn schüttete es so was von heftig. Gut, dass es noch ein kleines Vordach hatte, um auf die Kumpels zu warten. Anschliessend weiterschwimmen nach Dietikon. Dank der falschen Ausfahrtswahl des Roadies gab’s schon mal eine Zusatzschlaufe. Hhhhmmm…
Nach der Übernahme der Unterlagen fuhren wir den Prolog. Da das zweite Missgeschick: Auf der Wegbeschreibung steht: … R Rtg Krähenbühl (weiss) folgen. Da auf dem Schild aber Krähenbühl Bahnhof steht, wurde es ignoriert. Ein Fehler. Kostete ca. 2 Kilometer. Nun war die erste Runde Kaffee zur Zahlung fällig. Am Startort Seebad in Sempach waren für einmal keine Bikini-Girls zu bewundern. Kein Wunder. Der erste Kontrollposten ist der Mühleplatz im Berner Mattequartier. Dort steht allerdings nix, weil alles schwimmt… Wir erfahren dann über einen freundlichen Beizer, dass der Kontrollposten ins Wankdorf gezügelt wurde. Hätte man ja noch mitteilen können, vor dem Start. Fängt also gut an. Wie geht’s weiter? Mit Verfahren natürlich. LX meint in Neuenegg, er sei schon in Laupen und dreht Richtung Fribourg ab. Falsch. Die Strafe = 2 überflüssige Kilometer. Da Flüssiges auch vom Himmel fällt, nehmens die Kumpels gelassen. In Bex gibt’s Nachtessen. Kaffee gespendet von LX. Die Fenster weinen. So siehts jedenfalls aus. Aber mit einer prima Portion Pasta im Bauch geht’s leichter weiter. Oder schwerer – wie man’s nimmt.
Im Wallis dann ein gröberer Umweg: In einem Seitental kommt uns eine Gruppe Harleys entgegen. Wir denken «hoppla – jetzt aufpassen!». Aber schon befinden wir uns wieder in Sion unten und entdecken den Wegweiser nach Granges – unserem nächsten Checkpoint. Wir stellen fest, dass wir weder in Nax, noch in Gròne durchgefahren sind. LX nimmt den Rider in Betrieb und gibt Nax ein. Neiiiiiiiiinn – den ganzen Berg wieder hoch. Was bleibt uns übrig? Wir vermuten eh den ersten versteckten Posten dort in den Bergen oben. Also: Hier wohl gut eine halbe Stunde verbraten. Wir finden jetzt aber den Wegweiser und befinden uns somit wieder auf Kurs. In Granges dann suchen wir den Posten «Auberge Rive Gauche», stellen aber nach 10-minütiger Sucherei fest, dass die Auberge ausserhalb von Granges, in Richtung Siders zu finden ist. Da es nicht mehr regnet, sind wir trotzdem noch guten Mutes. Zwischen Gamsen und Glis wollen wir an eine Tanke, befinden uns dann aber unvermittelt auf einer Autostrasse, an der Tanke vorbei. Da es auch die falsche Richtung ist, bei nächster Möglichkeit «bitte wenden» und tanken. Auch das stecken wir weg.
Auf dem Simplon wird’s kühl, auf dem Weg nach Italien aber immer wärmer und wir haben trockene Strassen! In Gondo kann man mitten in der Nacht draussen sitzen, wir geniessen die südliche Wärme. Sicher ein Highlight dieser Ausgabe ist die Fahrt durch das Centovalli nach Locarno.Die Sonnenstube wird aber ihrem Namen noch nicht gerecht, allerdings ist der Tag noch jung und die Sonne ziert sich noch. Der übernächste Posten befindet sich in Airolo. Dort erfahren wir, dass wir nicht über den Gotthard können wegen Lawinengefahr. Durch den Tunnel also. Das ist aber ebenfalls speziell, weil, wir sind ja sehr gut angezogen. Herrschen dann im Tunnel noch Temperaturen wie im Hochsommer, so ist das ziemlich schweisstreibend. Somit trocknet auch nix, da die Nässe nun von innen kommt. Kaum sind wir aus dem Tunnel raus, schüttet es wieder wie aus Kübeln. So ein Schrott. Beeindruckend sind die überfüllten Seen und die vielen Seen anstelle von Feldern, welche es (hoffentlich) aber schon bald wieder nicht mehr geben wird. Beim Befahren von Brücken beschleicht einem ein seltsames Gefühl: Was mach‘ ich, wenn die Brücke plötzlich keine mehr ist?
Hinten an Schwyz folgt ein nächster Prüfstein: Die Ibergeregg. Normalerweise ein harmloses Pässchen, erweist es sich als veritables «Pièce de résistance»: Dicker Nebel, Sichtweite unter 15 Meter, leichter Nieselregen, alles nass und zwischendurch querlaufende Bächlein mit Geschiebe. Wir gehen das Ganze vorsichtig an und kommen damit auch heil den Berg wieder herunter. Über den Sihlsee klemmen wir, wasserstandsbedingt, die Fuudibaggen zusammen und erreichen das andere Ufer, wo sich auch der nächste Kontrollposten befindet. In der «Kontakt-Bar Hot Chicken», wo der Posten stationiert ist, finden sich allerdings keine «Chicks». Und «hot» sind wir auch nicht, höchstens «wet». Je näher das Ziel kommt – wir stehen nun bei ca. Km 708 – desto besser wird das Wetter und die Strassen sind nun auch endlich wieder trocken. Am Ziel in Bülach scheint gar die Sonne. Und diese begleitet uns dann auch noch nach Hause.
Dort angekommen resümiere ich: Mit 862 Kilometern waren das bis anhin die längsten 500 Meilen. Dass wir allerdings am Sonntag bereits kurz nach 11 Uhr das Ziel erreichten, veranschaulicht, dass wir trotz Umwegen und misslichen Bedingungen recht gut vorwärts kamen. Also von mir aus kann die Ausgabe 2014 kommen. Wetter hin, oder Wetter her. Hauptsache es gibt überhaupt Wetter… Und, von ursprünglich 528 Angemeldeten sind gemäss Zeitungsberichten 333 in Bülach angekommen. Genau ein 111-tel davon waren Harley-Friends.
Ein paar wenige Fotos gibts in der Galerie... Die Route kann über diesen Link nachvollzogen werden.